Die Pillendreher

Monika und Hans Wendling
Mülheim an der Ruhr

Zur Geschichte der mechanischen Musik

Mechanische Musik gibt es schon sehr lange - bereits im Mittelalter existierten einfache Orgelwerke und Orgelautomaten mit Olivenholzwalzen als Musikspeicher.
Später dann wurden diese Speicher durch folgende Systeme verbessert:

  1. Walze mit Metallstiften
    • durch die Stifte werden sogenannte CLAVIS aktiviert. Die CLAVIS - man muss sich dabei in etwa die Tastatur = KLAVIATUR beim Klavier vorstellen - sorgen dafür, dass die, durch den Blasebalg erzeugte, Luft entsprechende Orgelpfeifen versorgt und so ein bestimmtes Musikstück zu hören ist. Das geschieht dadurch, dass die erzeugte Luft gezielt (aktiviert durch die CLAVIS) die sogenannte WINDLADE in die entsprechenden Pfeifen verlässt.
      Die Windlade wiederum ist ein Luftspeicher, der mit allen Pfeifen und sonstigen Funktionen verbunden ist, diese dann bei Bedarf mit Luft versorgt und durch den Blasebalg ständig gefüllt wird.
  2. Faltkarton
  3. Papierrolle
    • damit konnten endlich die damaligen Orchestrien und elektrischen Klaviere großer Gaststätten besser genutzt werden, als durch die Walzen - mehr Musik !
      Auf einem elektrischen Klavier (z. B. WELTE - Klavier/ Freiburg) konnte beispielsweise die Musik von Strauss und Rubinstein originalgetreu aufgezeichnet werden.
  4. Kunststoffrolle
    • das gleiche Prinzip wie bei der Papierrolle, nur wetterfest.
  5. Elektronische Steuerung
    • entwickelt von Herrn Carl Heinz Hofbauer, Sohn der Orgelbauerfamilie Carl Hofbauer aus dem Allgäu, die sich ursprünglich auf die Herstellung von Orgelpfeifen für Kirchenorgeln spezialisiert hatte.
      Nach dem 2. Weltkrieg hat es die Familie dann nach Göttingen verschlagen, wo ihr einziger Sohn Carl Heinz Physik studierte. Als der Vater Anfang der 50er Jahre krank wurde, musste der Sohn dann sein Studium unterbrechen, und im elterlichen Betrieb aushelfen. Dieser, mehr oder weniger erzwungene, Kontakt mit der Materie Orgelbau hat den Studenten so fasziniert, dass er spontan erst einmal eine Orgelbauerlehre und im Anschluss daran sofort eine Ausbildung zum Orgelbaumeister absolvierte - Im Jahr 1955 wurde er dann der jüngste Orgelbaumeister Deutschlands.
      Als ehemaliger Physikstudent erkannte Herr Hofbauer sehr schnell die Möglichkeiten, mehr Musik zu speichern ... war doch, wie oben schon einmal angesprochen, das Lochband gewissermaßen der Vorläufer vom heutigen PC - man betrachte nur mal die Lochkarten, welche vor vielen Jahren für einen damaligen Computer benötigt wurden !
      Herr Hofbauer nahm sein Studium nicht mehr auf, verlegte seine Aktivitäten vom Orgelpfeifenbau später ausschließlich auf die Drehorgel und entwickelte diese ständig weiter. So entwarf er beispielsweise, parallel zur bekannten und natürlich nach wie vor aktuellen Steuerung durch ein Notenband, als erster ein System zur elektronischen Ansteuerung der Pfeifen und sonstiger Funktionen !
      Vorbild für die Optik seiner Instrumente waren Orgeln vom sogenannten BERLINER Typ, nachdem er den Sohn einer italienischen Orgelbauerfamilie mit dem Namen BACIGALUPO kennen gelernt hatte - diese Familie siedelte sich zur Blütezeit der mechanischen Musik Anfang des 20. Jahrhunderts in Berlin an ... deshalb BERLINER Typ !

So unterschiedlich die verschieden Instrumente auch sind, was beispielsweise die Optik, die Tonstufen- und Pfeifenzahl, bzw. sonstiger Besonderheiten betrifft, wie z. B. die Möglichkeit zusätzlich ein Glockenspiel und/ oder eine Perkussion zu aktivieren und natürlich die Ansteuerung all dieser Funktionen, haben alle eines gemeinsam ... über einen Blasebalg, den man entweder mit einer Kurbel oder einem Schwungrad betätigt, wird die Luft in die entsprechenden Pfeifen bzw. zu den verschieden sonstigen Funktionen befördert und Musik wird zu Gehör gebracht !

Die älteste, noch bekannte Drehorgel - eine Walzenorgel - stammt übrigens aus dem Jahr 1598 und steht in der Festung Hohensalzburg. Für dieses Instrument hat später im 18. Jahrhundert z.B. auch Leopold Mozart Lieder komponiert.

Die "Hochburg" der mechanischen Musik ist WALDKIRCH im Schwarzwald - von dort stammen z.B. die meisten Orchestrione, wie man sie heute noch auf den verschiedenen Jahrmärkten sieht. Die Blütezeit dort war etwa Ende des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts.

Aber interessanterweise gab es auch im Ruhrgebiet und zwar in Mülheim an der Ruhr eine bekannte Firma mit dem Namen WELLERSHAUS, die seinerzeit ebenfalls schöne Orchestrione baute.